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  • Merle

Neuigkeiten. Was jetzt?

In den letzten Tagen habe ich unter anderem viel, viel nachgedacht. Die Ausbreitung des Corona-Virus und die vielfältigen Reaktionen insbesondere in den Medien haben in mir einige Fragen und Emotionen aufgeworfen. Wie mache ich denn jetzt weiter? Wer bin ich denn, wenn ich nicht mehr Raufspiele machen kann? Und, nachdem ich auf jeden Fall einen Blog schreiben möchte: Worüber schreibe ich, wie trete ich im Folgenden denn plötzlich hauptsächlich online auf?


Hm. Also erst einmal: Was habe ich getan?

Letzte Woche Donnerstag und Freitag war zunächst einmal diese unglaublich schwere Entscheidung zu fällen, die Raufspiele letztlich abzusagen. Unglaublich schwer insbesondere deswegen, weil es weder politisch klare Richtlinien gegeben hatte, an dich ich mich hätte halten können, noch fundierte Meinungen die ich auf die Schnelle von Panikmache hätte unterscheiden können. Worin sich final alle einig waren: Die Entscheidung musst du selbst treffen, in eigener Verantwortung. Na, mach das mal, mit einer ziemlich großen gesellschaftlichen Verantwortung im Rücken und der Alternative, diesen Monat kein Geld zu verdienen, in Aussicht. Die Meinungen vieler Menschen einholen und die Entscheidung lange rausschieben bis ich sie treffen kann hat sich als das heraus gestellt was ich schlussendlich getan habe. Hinterher: Das gute Gefühl (dank der sich plötzlich ähnlich äußernden Politik/Medien und eurer Rückmeldungen), eine richtige Entscheidung getroffen zu haben gepaart mit gewissermaßen existenzieller Leere.


Thema Geld

Im Überschlagen, wie lange mein Geld reicht, und mich in der Sicherheit wiegen, dass es tausenden Menschen ähnlich geht wie mir, sodass in irgendeiner Form eine gesellschaftliche Lösung gefunden werden muss, kommentierte plötzlich eine Person mein wie immer mit rudimentärsten Kenntnissen handgebasteltes Ankündigungs-Bild (bzw jetzt vielleicht eher Abkündigungs-Bild) zum derzeitigen Ausfall sämtlicher Körperleben-Veranstaltungen, und fragte, ob sie mir den Betrag, den sie mir sonst in die Malzkaffeedose gesteckt hätte, einfach überweisen könne. Diese Geste brachte mich fast zum Weinen. Nicht, weil ich komplett kein Geld mehr gehabt hätte. Nein, weil ein anderer Mensch einfach auf die Idee gekommen war, mir zu helfen, und das ernst meinte. Als ich von mehreren Seiten weitere Aufrufe auf Facebook dazu wie auch eine Petition gesehen habe, konnte ich mir plötzlich vorstellen, einfach nach Geld zu fragen. (Mein Verhältnis zum Thema Geld, vor allem zu diesem Tabu im Thema, wird ein anderer Blog-Eintrag.) Also habe ich angefangen, jene Email zu schreiben, die die meisten von euch über meinen Verteiler bekommen haben. Mehrere Stunden und fünfmal hin und her rennen habe ich für den Satz zum Geld gebraucht, und dann nochmal Mut zum Abschicken.


Mein Beitrag in der Welt - wie wertvoll ist der eigentlich?

Nach Geld zu fragen ist doch keine so einfache Sache. Auf einmal fängt der eigene Kopf an zu fragen, wie wertvoll der eigene Beitrag denn nun wirklich zur Menschheit ist, und ob nicht KrankenpflegerIn zu sein sehr viel hilfreicher wäre. Anzumerken, dass Menschen, die seit vielen Jahren Mitarbeitende in größeren Unternehmen und Firmen sind, jetzt weiterhin Geld zur Verfügung haben, zumindest einige Rücklagen. Dass das Leben, wie ich eines führe, Luxus ist, und nur möglich aufgrund von Menschen, die mir netterweise Geld in die Kasse werfen (bzw die ich mit ausbeute dafür dass ich beispielsweise Schokolade und Kaffee genießen, bestimmte Kleidung tragen kann usw. Fair gehandelte Waren helfen, aber ungerecht ist das System weiterhin). Ja, mein Kopf hält dann auch entgegen, dass in puncto Raufspiele Menschen freiwillig kommen und das seit Jahren. Dass mein pay-what-you-want-System nicht auf Bedürftigkeit aufgebaut ist sondern auf Freiheit. Dass ich mich nicht schuldig fühlen muss, zu wenig zu dieser Gesellschaft beizutragen, nur weil ich keinen 9-to-5-Job erledige (erklär mir einer dieses Gefühl). Wirklich helfen tut das allerdings nicht, ein mulmig-düsteres Gefühl bleibt.


Nein. Die Welt ist ein bunter Ort, und wir helfen alle dazu

In solchen Momenten blendet mein Kopf gerne mal aus, dass ihr mir berichtet, durch die Raufspiele sozial sicherer zu werden, euch selbstbewusster zu fühlen, mehr Verhaltensmöglichkeiten in Bezug auf euer Gegenüber zu entwickeln und intuitiver auf euer Gegenüber zu reagieren - wodurch ihr die Welt zu einem bunteren Ort macht. Vor allem aber traut ihr euch „Nein.“ zu sagen, im Vertrauen darauf, dass ein „Nein.“ akzeptiert wird, egal wie harmonisch die Umgebung um euch herum ist und wie sehr ein „Nein.“ diese Harmonie brechen würde (oder hoffentlich genau dann).


Solidarität in Frankfurt

Nachdem meine Email durch den Verteiler gerauscht ist haben recht schnell Menschen reagiert und mir Geld geschickt. Mittlerweile habe ich einen kompletten Monat mit Miete, Krankenversicherung und Essen drin. DANKE!

Zur selben Zeit haben sich in Frankfurt solidarische Bewegungen geregt, zusammengeschlossen und sich mittlerweile so gut organisiert, dass in allen Stadtteilen Einzelgruppen per Hotline (!) ansprechbar sind um sich helfen zu lassen. Für den Quarantäne-Fall, Kinderbetreuung, Lernangebote, emotionale Überlastung. Das ging so schnell, dass jetzt, noch nichtmal eine Woche später, bereits der SWR involviert ist und darüber berichten will. Bei so viel Solidarität kann man sich gar nicht allein gelassen fühlen. Noch dazu, wenn Menschen aus meinem eigenen Kreis nachfragen, wie es mir geht, wie und ob ich klar komme.


Eigene Bedürfnisse

Stimmungsmäßig wellt es sich so dahin, würde ich sagen. Meist bin ich optimistisch und guter Dinge, manchmal auch sehr fertig. Was ich so tue? Viel Telefonieren, viel Bewegung und Sport im eigenen Zimmer, viel essen, masturbieren, ab und zu den Kopf in die Sonne raus strecken und wenn es gar nicht mehr geht kurz spazieren gehen (mit viel Abstand zu anderen Menschen und vor allem mit einem nichtsehrnachhaltigen Wegwerftaschentuch, das ich zum Öffnen der Türen bis ich draußen bin verwende). Trotzdem bin ich dann ein Person mehr, die hilft, das Virus sich ausbreiten zu lassen.


Was tust du?

Wie geht es dir mit der gesamten Situation? Wie war deine Reaktion auf die Ausbreitung des Virus, mit welchen Gefühlen siehst du dich derzeit konfrontiert / gehst du auf welche Weise um? Wie reagiert dein Umfeld, und welche solidarischen Maßnahmen finden in deiner Umgebung statt / an welchen bist du selbst beteiligt?


Ich freu mich über E-Mail, Kommentare und Reaktion von dir!


Alles Liebe,

Umarmung,

Merle

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